Fallbeispiele Supervision

Fallbeispiel 1 – Exploration des Untersuchungsfeldes

Die Kulturwissenschaftlerin Karla führte eine mehrmonatige Feldforschung in einem Unternehmen durch. Ihre vorherrschende Gefühle waren Unsicherheit und Sorge – eine Gemütslage, die mit Blick auf den Feldeinstieg in den Methodenkanon mittlerweile als „Angst des Forschers vor dem Feld“ (Lindner 1981) bzw. als „neue Angst des Forschers vor dem Feld“ (Warneken/Wittel 1997) eingegangen ist.

Allerdings beschränkte sich ihre Angst nicht auf die erste Kontaktphase, sondern setzte sich fort. Denn das Management kündigte während Karlas Datenerhebung an, ein Drittel der Belegschaft zu entlassen. Der Betriebsrat versuchte, dieses Vorhaben zu verhindern. Karla befürchtete, die Geschäftsführung werde sie auffordern, ihre Untersuchung abzubrechen, damit die innerbetrieblichen Konflikte nicht von einer Externen beobachtet werden.

Berichte von Feldforscherinnen und -forschern legen nahe, Gefühle der Verunsicherung für einen unvermeidlichen Bestandteil der Feldforschungserfahrung zu halten. Aber in der Supervision stellte sich heraus, dass diese verallgemeinernde Perspektive zu kurz greift. Denn dass Karlas Feldaufenthalt von Ohnmachtgefühlen und von der Sorge gekennzeichnet war, das Feld würde sich nicht zugänglich machen oder sie müsse es vorzeitig verlassen, vermittelt auch eine zentrale Botschaft über das Feld. Denn hier reproduzierte sich eine Dynamik, die für das Unternehmen bestimmend war, das Karla untersuchte, nämlich die extreme Reduzierung der Handlungsspielräume von Belegschaft und Betriebsrat durch die Geschäftsführung. Dank der Forschungssupervision rückten das betriebliche Machtgefüge und die kollektiven Praktiken, in denen dieses Gefüge reproduziert wird, in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Es kristallisierte sich die zentrale, die Studie strukturierende Dimension heraus.

Zitierte Literatur

Lindner, Rolf (1981): Die Angst des Forschers vor dem Feld. Überlegungen zur teilnehmenden Beobachtung als Interaktionsprozeß. In: Zeitschrift für Volkskunde, Jg. 77, Nr. 1, S. 51-66.

Warneken, Bernd Jürgen/ Wittel, Andreas (1997): Die neue Angst vor dem Feld. Ethnographisches research up am Beispiel der Unternehmensforschung. In: Zeitschrift für Volkskunde, Jg. 93, Nr. 1, S. 1-16.

Fallbeispiel 2 – Eingrenzung des Forschungsthemas

Der Soziologe Nico arbeitet über Frauen in Führungspositionen. Um Zugang zu Interviewpartnerinnen zu erhalten, wendet er sich an ein Mentoring-Netzwerk. Die Projektleiterin erklärt sich zu einem Interview bereit. Auch vermittelt sie ihm Kontakte zu Mentorinnen, die sich in diesem Netzwerk engagieren. Zu jeder potentiellen Interviewpartnerin gibt sie ihm einige Hinweise mit auf den Weg. Eine Mentorin kommentiert sie mit einem geringschätzigen Unterton.

Nico bereitet das großes Unbehagen und in der Forschungssupervision teilt er seinen Wunsch mit, sich gegenüber der Projektleiterin, die ihm den Zutritt ins Feld verschafft hatte, zu distanzieren. Das begründet er auf Nachfrage zunächst damit, vermeiden zu wollen, der Sichtweise des gate keeper verhaftet zu bleiben (eine Problematik, die in der Methodenliteratur intensiv diskutiert wird. Denn gate keeper gewähren in vielen Fällen überhaupt erst den Feldzugang, woraus eine engere soziale Bindung zwischen diesen Personen und den Forschenden resultieren kann). Die Supervisorin fragt Nico, was Distanzierung genau bedeutet. Es stellt sich heraus, dass Nico den gewünschten Abstand dadurch herstellt, dass er die Projektleiterin für ihr unprofessionelles Verhalten kritisiert und nach Wegen sucht, nicht mehr auf ihre Unterstützung angewiesen zu sein.

Die Supervisorin schlägt ihm als Handlungsalternative vor, die Interaktionen mit seiner Gewährsfrau genauer unter die Lupe zu nehmen und hypothetisch zu fragen, in welcher Weise sich hierin zentrale Merkmale des Feldes wiederfinden könnten. Das richtet sein Augenmerk auf Aspekte von Konkurrenz unter weiblichen Führungskräften. Nico beginnt sich für das Spannungsfeld zu interessieren, in dem sich aufstiegswillige Frauen bewegen: gegenseitige Unterstützung auf der einen, Rivalität auf der anderen Seite. Im weiteren Forschungsverlauf will er dieser Ambivalenz besondere Aufmerksamkeit widmen und gestaltet seinen Interviewleitfaden entsprechend.

Fallbeispiel 3 – Selbstvergewisserung nach schwierigem Interview

Die Sozialwissenschaftlerin Anja beschäftigt sich mit Inklusions- und Exklusionsprozessen an bundesdeutschen Hochschulen. Sie führt leitfadengestützte ExpertInneninterviews, um die (subtilen) Regeln zu erforschen, nach denen es NachwuchswissenschaftlerInnen gelingt, sich im Wissenschaftssystem zu etablieren. In einem ihrer letzten Interviews erlebt sie starke Irritationen: Ihr Interviewpartner erscheint ihr wenig zugänglich für die Fragen; er gibt äußerst knappe Antworten; es stellt sich nicht der gewohnte Redefluss her; sie ist gezwungen, immer wieder nachzufragen und das Interview in Gang zu halten. Bereits der Einstieg ins Interview gelingt Anja nicht; sie hat Schwierigkeiten, den Ausführungen ihres Gegenübers zu folgen; nach dem Interview breitet sich in ihr das Gefühl aus, versagt zu haben.

In die Forschungssupervision bringt sie das Protokoll ein, das sie unmittelbar im Anschluss an das Interview geschrieben hat. Ihre Notizen sind geprägt von Gefühlen des Scheiterns und des Unvermögens; sie stellt gar ihre Professionalität in Frage. Außerdem ist sie auf ihren Interviewpartner wegen dessen Verweigerungshaltung ärgerlich. Thema in der Supervision sind daher zunächst ihre emotionalen Verstrickungen und gedanklichen Verwicklungen. Dann bittet die Supervisorin um Informationen zur Vorgeschichte des Interviews: Wie Anja auf diesen Interviewpartner gekommen ist, welche Auskünfte sie ihm vorab über ihre Studie gegeben hat, wie der Interviewtermin verabredet wurde.

Es stellt sich heraus, dass sie mit ihm bislang überhaupt noch keinen Kontakt hatte. Denn nicht sie selbst organisierte die Interviews, sondern die Vorgesetzte ihrer Interviewpersonen. So hatte die ihr es vorgeschlagen. Anja fand diese Konstellation nicht ideal, ließ sich aber darauf ein, weil sie es nicht auf eine Konfrontation mit ihrer „Türöffnerin“ ankommen lassen wollte. Das Interviewsetting mit seinen problematischen Implikationen zu reflektieren, ermöglichte es Anja, sich von den Schuldzuweisungen an sich selbst und an die Adresse ihres Interviewpartners zu lösen. Mit der reflexiven Distanz gewann sie ihre professionelle Haltung sowie ihren „Denkspielraum“ (Tietel 2000, Fußnote 12) zurück und konnte sich nun darauf konzentrieren herauszuarbeiten, welche (verdeckten) Aussagen zu ihrem Forschungsthema in den Interaktionen mit ihrem Interviewpartner enthalten waren. Letztendlich konnte also Anja das Gefühl, versagt zu haben, produktiv wenden.

Zitierte Literatur

Tietel, Erhard (2000): Das Interview als Beziehungsraum. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1 (2), Art. 26, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0002260.